Bildungskatastrophe 2.0?!
Zurück in die 1960er Jahre: Die Sowjetunion und die USA liefern sich als zwei zentrale Großmächte ein Wettrennen im Bereich des technologischen Fortschritts, insbesondere um die Dominanz in der Raumfahrt. Der „Sputnik-Schock“ geht in den USA, wie auch in Europa rum: die Sorge, dass die demokratischen Systeme ins Hintertreffen geraten und das Bildungssystem nicht leistungsfähig genug ist, um Schritt zu halten. In Deutschland kommt eine steigende soziale Ungleichheit hinzu, insbesondere beim Zugang zu höherer Bildung. Der Pädagoge Georg Picht prägte den Begriff der Bildungskatastrophe.
Die Parallelen zu heute sind klar: Neben den früheren Großmächten ist mit dem asiatischen Raum, allen voran China, ein neuer Player hinzugekommen. Das Rennen um die Dominanz in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Robotik läuft. Schon bald sollen wieder Menschen auf dem Mond landen. Vor allem aber: Deutschland schneidet zunehmend schlecht in Bildungsstudien ab.
Die jüngsten Ergebnisse des IQB-Bildungstrends sollten uns aufrütteln. Dabei handelt es sich um eine bundesweite Vergleichsstudie, die die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Bundesländern und Schulformen vergleicht. Über ein Drittel, genau 34,1 %, der Neuntklässler erreichen die Mindeststandards in Mathematik nicht – Nordrhein-Westfalen liegt mit einem Wert von 40,8 % sogar noch darüber. Ebenso sind auch bei der Rechtschreibkompetenz in der Primarstufe und Sekundarstufe I deutliche Verschlechterungen erkennbar. Die PISA-Studie zeigt in dieselbe Richtung: die Kompetenzen unserer Kinder werden schlechter. In den Bereichen Mathematik und Lesen wird Deutschland inzwischen von asiatischen Ländern, insbesondere Singapur, abgeschnitten.
Ich frage mich: Wo bleibt der Aufschrei? Wie schlecht müssen die Ergebnisse noch werden, bevor wir von einer Bildungskatastrophe 2.0 sprechen? Entscheidend war damals, dass Bildung als Standortfaktor im globalen Wettstreit begriffen wurde. Als Bildungsnation können wir uns diese Entwicklung nicht leisten.
Dabei wurde doch vieles ausprobiert und unsere Schulen glichen zeitweise Experimentierlaboren. Um ein paar Stichworte zu nennen: Die Umstellung von G9 auf G8, Kopfnoten, und das berüchtigte „Schreiben nach Gehör“. All diese Experimente sind am Ende als gescheitert betrachtet wieder eingestellt worden. Die Problemlagen aber bleiben. Was fehlt, ist der Fokus aufs Wesentliche: die Sicherung von Grundkompetenzen. Lesen, Schreiben und Rechnen müssen wieder ins Zentrum rücken. Dafür braucht es vor allem eines: ausreichend gut ausgebildete Lehrkräfte und verlässliche Rahmenbedingungen. Weniger Unterrichtsausfall, mehr gezielte Fortbildung, mehr Verbindlichkeit.
Die Anforderungen an Lehrkräfte sind zuletzt enorm gewachsen. Mit 46,3 % hat fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen eine Zuwanderungsgeschichte. Auch wächst der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen – etwa jeder Vierte in Deutschland fühlt sich psychisch belastet. Inklusion ist eine weitere Herausforderung, die ohne funktionierendes Konzept und ohne hinreichende Ausstattung eingeführt wurde.
Viele Lehrkräfte fühlen sich mit diesen neuen Herausforderungen alleingelassen. Dieser Eindruck ist empirisch gut belegt, zum Beispiel durch das Deutsche Schulbarometer. Die Antwort kann daher nur in einer echten strukturellen Entlastung liegen. Multiprofessionelle Teams müssen zur Regel werden: Lehrer, Schulpsychologinnen, Inklusionskräfte und Verwaltungspersonal, die gemeinsam Verantwortung tragen. Es geht darum, Lehrerinnen und Lehrern wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe zu geben – guten Unterricht.
Die durch die Landesregierung eingeführten ABC-Klassen, vorschulische Förderklassen für Kinder mit Sprachdefiziten, sind ein wichtiger Baustein in der modernen Bildungspolitik. Um das Vorhaben aber auch umsetzen zu können, braucht es zusätzliche Personalkapazitäten. Ich habe die Befürchtung, dass der gut gemeinte Plan am Ende an der Realität scheitert.
Ich spreche nicht von einer Bildungskatastrophe, um unser Land schlechtzureden – im Gegenteil. Deutschland steht immer noch für Innovationskraft „Made in Germany“, demokratische Stärke und eine reiche kulturelle Tradition. Doch all das hat eine gemeinsame Grundlage: gute Bildung. Sie ist kein Nebenschauplatz, sondern die entscheidende Voraussetzung für unseren zukünftigen Wohlstand. Bildung ist unsere ökonomische Schicksalsfrage. Gerade deshalb müssen wir die aktuellen Entwicklungen beim Namen nennen. Nicht aus Pessimismus – sondern aus Verantwortung. Denn nur wenn wir die Lage ernst nehmen, können wir sie auch wieder zum Besseren wenden.


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